In Niedersachsen ist das "Netzwerk Familienzentrumsarbeit" gegründet worden, um die rechtliche Verankerung und landesweite Förderung von Familienzentren mit starker Stimme voranzutreiben. Zum Auftakt lieferte Prof. Dr. Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, empirische Befunde und schlagkräftige Argumente für Familienzentren als ideale Antwort auf viele aktuelle soziale und bildungspolitische Herausforderungen.
Begrüßt wurden die rund 100 Teilnehmenden der digitalen Gründungsveranstaltung von Sandra Köper-Jocksch aus der am nifbe angedockten "Landeskoordinierungsstelle Familienzentrumsarbeit in Niedersachsen". Diese habe die Gründung des Netzwerks unterstützt und ihre Aufgaben seien die Förderung der Qualitätsentwicklung in Familienzentren sowie eine intensive themenanwaltschaftliche Arbeit, "um in Niedersachsen ein landesweites Förderprogramm für Familienzentren zu erreichen". Finanziert wird die Landeskoordinierungsstelle durch die Auridis Stiftung sowie das Niedersächsische Sozialministerium.
Prof. Dr. Katharina Spieß unterstrich in ihrem Impulsvortrag, dass sich Familien und ihre Bedarfe aktuell stark verändern – von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und den steigenden Anteil von Familien mit Flucht- und Migrationshintergrund bis zu dem Faktum, dass jedes dritte Kind von Risikolagen bedroht ist. Und obwohl Kinder immer mehr Zeit in der KiTa verbringen würden, bleibe Familie "der zentrale Ort des Aufwachsens". Für gute Bildungs- und Entwicklungschancen der Kinder müsse es daher ein enges Miteinander von Familie und Institution geben.
Anhand von Forschungsdaten verdeutlichte Katharina Spieß, dass "die Schere beim Kompetenzerwerb von Kindern aus Familien mit niedrigerem und jenen mit höherem Einkommen bzw. Bildungsabschlüssen schon früh stark auseinander geht". Eltern würden von Anfang an auch entsprechend ihrer Ausgangs- und Ressourcenlage "sehr unterschiedliche Zeit- und Geldinvestitionen für Bildungs- und Lernaktivitäten ihrer Kinder" tätigen.
Sozio-ökonomischer "KiTa-Gap"
Besorgniserregende Daten präsentierte die Forscherin auch im Hinblick auf die KiTa-Nutzung: Hier gebe es einen deutlichen "sozio-ökonomischen Gap". In Niedersachsen bekommen so 36% der Familien aus Armutskontexten und 30% der Familien mit Migrationshintergrund trotz Bedarf keinen KiTa-Platz für ihre Kinder zwischen einem und drei Jahren – im Gegensatz zu nur 21 % Bedarfslücke bei den anderen Familien. Gründe dafür seien nicht vorhandene Plätze, zu hohe Kosten, zu wenige Informationen und auch eine strukturelle Diskriminierung. Eine nur geringe Rolle würden kulturelle oder religiöse Gründe spielen.
Verschärft werden diese schlechten Ausgangslagen für Kinder aus Familien mit Armuts- oder Migrationskontexten durch das sogenannte "Präventionsdilemma": Viele angebotene Elternprogramme seien zwar grundsätzlich erfolgreich, würden aber nicht die Eltern erreichen, die am meisten davon profitieren würden.
Familienzentren als ideale Lösung
"Daher", so Katharina Spieß, "sind niedrigschwellige Ansätze und Zugänge im Sozialraum notwendig und hierfür sind Familienzentren ideal". Familienzentren böten die große Chance für frühere Zugänge in das Bildungssystem, als Brücke für das Nebeneinander von Familie und KiTa sowie für die Stärkung des Bildungsortes Familie. Neben den besseren Bildungs- und Entwicklungschancen für das Kind hätten Familienzentren auch viele positive elterninduzierte Effekte – von der Sprache über das Wohlbefinden und eine verbesserte Erziehungskompetenz bis hin zum Arbeitsmarktzugang und einer insgesamt besseren Integration. "Gerade gemeinsame Angebote für Eltern und Kinder verstärken diese Effekte" betonte die Referentin. Als wichtige Qualitätsaspekte für Familien stellte sie u.a. folgende Aspekte heraus:
- Systematische Bedarfsorientierung
- Stetiger Sozialraumbezug
- Institutionelle Vernetzungen
- Niedrigschwelliger Zugang
- Gezielte Elterneinbindung
Angesichts der evidenten positiven Effekte plädierte Katharina Spieß mit Nachdruck für eine nachhaltige Förderung von Familienzentren auch durch den Bund. Hier sei die Zusammenführung von Familie und Bildung in einem Ministerium als Chance zu sehen. Eine frühe Unterstützung von Familien und Kindern aus Armuts- oder Migrationskontexten sei am effektivsten und führe perspektivisch zu hohen Einspareffekten bei Sozial- und Transferleistungen. Auf kommunaler Ebene böten sich Familienzentren zudem als ideales "Marketing-Instrument" für das Gewinnen und Binden von Fachkräften vor Ort an.
Breite Basis für Familienzentren
Als kommissarische Sprecher des Netzwerks Familienzentrumsarbeit in Niedersachsen stellten Andreas Reith und Prof. Dr. Michael Lichtblau dessen Hintergründe und Ziele vor. Hervorgegangen ist das Netzwerk aus der 2010 gegründeten nifbe-Expertenrunde Familienzentren, die schon auf einem breiten Spektrum aktiv gewesen sei: Von Publikationen wie Thesenpapieren und Stellungnahmen über landesweite Befragungen bis hin zu Anhörungen. Die aus der Expertenrunde selber angeregte Gründung des Netzwerks solle jetzt die Basis vergrößern und die Stimme für Familienzentren in Niedersachsen lauter werden lassen.
Willkommen im Netzwerk sind, wie die Sprecher erläuterten, Träger, Verbände, Kommunen und Leitungs-Fachkräfte aus dem Kontext Familienzentrumsarbeit sowie auch alle Eltern und anderen Privatpersonen, die das Thema mit unterstützen und befördern möchten. Ein Mitgliedsbeitrag wird im Netzwerk nicht erhoben.
Als Ziele des Netzwerks führten Andrea Reith und Michael Lichtblau die "rechtssichere Verankerung und nachhaltige Finanzierung von Familienzentren auf Landesebene" sowie ihre systematische Qualitätsentwicklung an.
