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Handlungsorientierte Sozialberichterstattung: Situation von Alleinerziehenden in Niedersachsen

Die stellvertretende Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Gesa Schirrmacher, und Hans-Joachim Lenke, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, stellen beim Fachtag die Handlungsorientierte Sozialberichterstattung mit Statistikteil und Anlagenbericht der LAG FW vor.

Auch im Jahr 2026 stellt das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung im Rahmen eines Fachtages die Handlungsorientierte Sozialberichterstattung (HSBN) mit dem Schwerpunkt "Situation von Alleinerziehenden" vor. Das Thema des Anlagen­berichtes 2026 lautet: "Anlagenbericht 2026: Situation von Alleinerziehenden in Niedersachsen – Gemeinsame Elternschaft nach Trennung – gesellschaftliches Ideal oder gelebte Realität?"

Sozial-, Arbeits- und Gleichstellungsminister Dr. Andreas Philippi stellt fest: "Vier von fünf Alleinerziehenden sind Frauen. Sie sind überdurch­schnittlich häufig in der unteren Einkommensschicht vertreten und gehören zu den Hauptbetroffenen von relativer Einkommensarmut. Selbst wenn sie noch nicht unmittelbar armutsgefährdet sind, tragen sie ein erhebliches wirtschaftliches Einkommensrisiko. Von Wohnkosten­über­belastung und den daraus resultierenden Folgen, dass nicht mehr ausreichend Geld zur Befriedigung anderer Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und notwendige Anschaffungen zur Verfügung steht, sind sie ebenfalls stärker als andere Bevölkerungsgruppen betroffen."

Der Minister hebt hervor: "Diese besonderen wirtschaftlichen Risiken sind keine reine Privatsache. Mangelnde Anstrengungen können dieser hoch vulnerablen Gruppe nicht vorgeworfen werden. Vielmehr sind sie nicht zuletzt ein Ergebnis struktureller gesellschaftlicher Benachteiligung von Frauen. Die Hauptursache sind traditionelle Rollenbilder, die leider noch immer nicht überwunden sind und gerade sogar eine Renaissance erleben."

Gleichzeitig appelliert Minister Dr. Philippi an die Bundesebene: "Bei den anstehenden Sozialreformen – so notwendig sie sind – muss darauf geachtet werden, dass sie nicht zulasten einzelner Menschen gehen. Soziale Gerechtigkeit muss immer der Maßstab unserer Sozialpolitik sein, damit alle Menschen die gleichen Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe haben."

Ein Weg zu mehr Rollen- und damit auch Einkommensgerechtigkeit kann geteilte Elternverantwortung nach einer Trennung sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Der diesjährige HSBN-Anlagenbericht der Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege in Niedersachsen (LAG FW) zeigt, dass nicht das gewählte Betreuungsmodell, also das Residenz- oder Wechselmodell, über das Gelingen gemeinsamer Elternverantwortung entscheidet. Aus­schlag­gebend ist vielmehr, wie die Eltern ihre Verantwortung im Alltag gemeinsam und auf verschiedenen Ebenen leben. Aktuell gibt es in Niedersachsen rund 202.000 alleinerziehende Mütter und etwa 46.000 alleinerziehenden Vätern. Dazu kommt, dass 42,9 % der allein­erziehen­den Mütter in Niedersachsen armutsgefährdet sind. Damit lebt fast jede zweite Alleinerziehende mit ihrem Kind von einem Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsquote. Diese liegt aktuell für einen Haushalt mit einem Kind bei einem Haushaltsnettoeinkommen von 1.725 Euro.

"Wir brauchen familienfreundlichere Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Beruf für Alleinerziehende stärken", so Hans-Joachim Lenke, Vorsitzender der LAG FW. "Alleinerziehende tragen jeden Tag eine enorme Verantwortung und stehen häufig unter einem großen finanziellen Druck. Dieser wird nun durch die aktuellen Reformvorhaben der Bundesregierung noch größer, da der Unterhaltsvorschuss nur noch bis zum Ablauf des 15. Lebensjahrs des Kindes gezahlt werden soll. Finanzielle Probleme dürfen nicht dazu führen, dass Menschen mit Kindern in belastenden Partnerschaften verharren müssen, weil eine Trennung finanzielle Unsicherheit, Armutsrisiken oder den Verlust verläss­licher Betreuungsstrukturen bedeutet. Alleinerziehende brauchen eine verlässliche Kinderbetreuung, wirksame Unterhaltsregelungen, eine bessere steuerliche Entlastung und einen einfachen Zugang zu staatlichen Leistungen. Gleichzeitig müssen Väter stärker in die Verantwortung genommen werden – nicht nur finanziell, sondern auch bei Erziehung, Betreuung und der alltäglichen Sorgearbeit, denn gemeinsame Eltern­schaft nach einer Trennung gelingt nur, wenn die materiellen, rechtlichen, institutionellen und zwischenmenschlichen Voraussetzungen stimmen. Armutsprävention und die Förderung gemeinsamer Elternschaft sind dabei zwei Seiten derselben Medaille: Politik muss die struk­turellen Ursachen von Benachteiligung angehen und darf sich nicht allein auf die organisatorische Form der Betreuung konzentrieren."

Der Bericht gibt wichtige Impulse zur Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden in Niedersachsen u. a. Armutsprävention, Gleichstellung und faire Verantwortungsteilung, Beratung und Unterstützung, sowie Kinderbetreuung.

Hans-Joachim Lenke dankt dem Autorinnenteam und allen beteiligten Personen für die Erstellung des Anlagenberichtes und stellt abschließend fest: "Die gemeinsame Elternschaft nach einer Trennung gilt seit Jahren als politisches Leitbild. Doch solange es überwiegend Frauen sind, die ihre Erwerbsarbeit zurückstellen, Einkommenseinbußen tragen und den Großteil der Sorgearbeit übernehmen, bleibt dieses Leitbild für viele Familien ein Versprechen auf dem Papier. Wer Kinder erzieht, darf nicht mit einem erhöhten Armutsrisiko bestraft werden. Es braucht politische Rahmenbedingungen, die Sorgearbeit anerkennen, wirtschaftliche Nachteile ausgleichen und echte Wahlfreiheit ermöglichen. Nur so können Eltern Verantwortung partnerschaftlich teilen – vor, während und nach einer Trennung."

Weitere Details zum Anlagenbericht
Der Hauptteil des Anlagenberichts basiert auf einer qualitativen Befragung, in deren Rahmen Interviews mit Alleinerziehenden in unterschied­lichen Lebenssituationen systematisch ausgewertet wurden. Die Autorinnen Dr. Esther Konieczny, Sara Buschmann und Delia Keller geben dabei aufschlussreiche Einblicke in die Aushandlungsprozesse zwischen Eltern nach einer Trennung und zeigen auf, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine gleichberechtigte Wahrnehmung von Elternverantwortung gelingen kann. Ein zentrales Ergebnis des Berichts ist, dass die Chancen für eine partnerschaftliche Elternschaft nach einer Trennung maßgeblich davon abhängen, wie Betreuung, Sorgearbeit und Verant­wort­lich­keiten bereits während der gemeinsamen Partnerschaft zwischen den Eltern verteilt waren.

Über die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen
In der LAG FW sind die sechs niedersächsischen Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossen: Dies sind Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Jüdische Wohlfahrt. Damit repräsentiert die LAG FW etwa 8.000 soziale Einrichtungen, Beratungsstellen und Dienste mit mehr als 300.000 hauptamtlich Beschäftigten und 500.000 ehrenamtlichen Helfer:innen.

Der Anlagenbericht zur HSBN 2026 steht zum Herunterladen auf der Website der LAG FW zur Verfügung: Zum Download

Quelle: Pressemitteilung LAG FW, 05.10.2026, www.lag-fw-nds.de 

Weitere Informationen zur HSBN stehen auf der Website des Niedersächsischen Sozialministeriums zur Verfügung: Die HSBN und der www.ms.niedersachsen.de/hsbn